Ein Feuer brennt im früheren Land der Dichter und Denker

17 11 2009

Revolution. Vor einigen Monaten sind ich und eine Freundin in einem Gespräch übereingekommen, dass es in Deutschland brodelt und das es Proteste, Widerstände geben würde, wenn sich nichts ändert.

Inzwischen sehen wir: wir hatten recht. Es brennt in Deutschland.

Zwar nur an den Unis, aber immerhin. Ein Anfang ist gemacht.

Vor allem über Twitter und Webportale läuft die Organisation. Zeitungen und Fernsehn, die traditionellen Medien, scheinen ausgedient zu haben.

“Wenn du von Medien verarscht wirst, such dir andere Wege” scheint das Motto zu sein.

Und es wirkt: in über 50 Städten wurde heute auf unterschiedliche Weisen gegen soziale Ungerechtigkeit und die Kastration unseres Bildungssystems protestiert. Von Flashmobs über Kundgebungen bis hin zu Besetzungen wird dem Unmut kreativ und vor allem friedlich Luft gemacht.

Warum auch Gewalt? Wir wollen nur unser grundgesetzlich gesichertes Recht, nicht mehr, nicht weniger.

Daher wirken Aktionen wie die Strafanzeige der Uni Bonn gegen die besetzenden Studenten (UPDATE: wurde inzwischen möglicherweise zurückgezogen) eher….grotesk – nicht zu vergessen, dass eure Bundeskanzlerin sich bisher nicht zu diesem Thema geäußert hat. Ist sie nicht an diesem Thema interessiert oder hat sie wichtigeres zu tun, als sich um die Zukunft ihres Landes zu kümmern? Oder ist sie einfach hilflos?

Nebenbei: die mitregierende FDP sieht Bildung als “Bürgerrecht“. Warum das pervers ist? Ein Bürger ist nur, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat und mindestens 18 Jahre alt ist. Davor hat man kein Recht auf Bildung? Interessanter Ansatz…

Die Forderungen der Streikenden sind meiner Meinung nach gerechtfertigt. Sie sind nicht überzogen, sondern sollen nur garantieren, dass jeder das studieren kann, was er will und was ihn interessiert – und nicht, was im Rahmen ökonomischer Interessen steht.

Neoliberale Vorstellungen und Maßstäbe haben, dass hat die Wirtschaftskrise eindruksvoll gezeigt, schon in der Wirtschaft nicht funktioniert und viele Menschen in die Armut gestürzt. Warum sollten dann ausgerechnet beim Bildungssystem klappen?

Leider scheinen das einige nicht zu verstehen, wie ich durch ein Bulletin bei MySpace erkennen musste (wegen der Friendslock-Funktion kann ich den Text nicht verlinken und muss ihn so zitieren. Das bitte ich zu entschuldigen):

ich muss einfach nur grad mal loswerden, dass ich mich nur darüber aufregen kann, wie gestreikt wird. Ich kann natürlich nicht sagen, wie es in anderen Unis aussieht, aber hier in Duisburg wurde man beim betreten des bestreikten Hörsaales erstmal von ner Dopefahne erschlagen wurde und da standen doch zu viele Bierkästen herum, als dass man das irgendwie ernst nehmen könnte..
Außerdem war das alles viel zu kurzfristig, kein Mensch weiß wirklich worum es geht und wenn man man die öffentlichen Forderungen liest bekommt man nen Kotzreiz:
guckt euch mal die Forderungen an:

-Selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starrem Zeitrahmen, Leistungs- und Konkurrenzdruck
- Freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren
- Öffentliche Finanzierung des Bildungssystems
- Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen

Selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starrem Zeitrahmen, Leistungs- und Konkurrenzdruck
Kinder, wir leben im Kapitalismus und dann KEIN Konkurrenzdruck?! Viel Spaß in der freien Wirtschaft…

selbstbestimmtes lernen
alls klar, kommste heut nicht kommste morgen.. 15 Semester rumstudieren…
Die Firmen wollen/brauchen junge Ingenieure und nicht 35 Jahre alte Säcke die noch nie was praktisches getan haben…

Freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren
naja.. Zugang hat jeder, man zahlt ja nur, wenn man nen Abschluss will, aber ich sag mal so: es gibt sowohl Stipendien als auch Unterstützungsmöglichkeiten…
also ich bin auch gegen die aktuelle Regelung der Gebühren, aber solang es tatsächlich etwas bringt ist es immer noch günstiger als ne Privatuni…

Öffentliche Finanzierung des Bildungssystems
is doch das Selbe wie der Punkt davor… zumindest zieht der eine Punkt den anderen nach..

[...]

Und was ich wie ihr nur anmerken kann:
bei uns leiden vor allem die Wiwis unter dem Streik, weil bei denen bald der erste Klausurblock ansteht und soweit ich weiß fast alle Vorlesungen, die im besetzten Hörsaal sind die Wiwis betreffen.. ok, es ist der größte Hörsaal und die Uni Duisburg ist dezentral, dennoch finde ich das nicht richtig.
Man zwingt Leute “mitzustreiken”, die es nicht wollen.. Ich wollte jedenfalls eine der Vorlesungen in dem betroffenen Audimax hören und hatte keine Chance. Danke an die Streikenden. Es soll Leute geben, die studieren, weil sie nen Wissensdrang haben..

Ok, es gibt immer schwarze Schafe, aber betrunkene und bekiffte Studenten habe ich in Bochum nicht gesehen und auch sonst nichts davon mitbekommen.

Und die Argumente gegen die Forderungen sind bestenfalls als problematisch zu bezeichnen.

Konkurrenzdruck gehört dazu, weil wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben? Gute Idee, mit demselben Argument könnte man auch Gesundheitsvorsorge abschaffen: “In unserer Welt gibt es Krankheiten, also gehört Krebs nicht geheilt” – nur weil wir in einem System mit Fehlern leben, soll man nicht versuchen, es zu ändern?

Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl würden im Grabe rotieren.

Und schonmal auf die Idee gekommen, dass Konkurrenzdruck nicht in jedem Beruf unbedingt sinnvoll ist, z.B. in sozialen oder Lehrberufen?

Selbstbestimmtes Lernen ist dagegen wirklich unnötig. Wer will schon selbstständige und vielfältig gebildete Individuen, wenn er stromlinienförmige Arbeiter mit haben kannt Scheuklappen haben kann?

Und dieses ewige Argument vom faulen Studenten ist genauso intelligent wie das vom rechtsradikalen Ossi. Aber ein Generalverdacht hat ja schon bei Hartz IV gewirkt.

Jene, die dieses beziehen und ihre Kinder werden nicht zu unrecht “bildungsferne Schicht” genannt. Da helfen auch Stipendien nichts (an die sowieso nicht jeder in Anspruch nehmen kann).

Der Vergleich mit den Privatunis ist toll: “Es ist nicht ganz so schlimm, also ist es doch gut” – soviele Aspirin kann ich garnicht nehmen, wie ich von solcher Denkweise Kopfschmerzen kriege.

Würde ich so denken, würden mich die Streikenden natürlich auch nerven.

Weil (meiner Meinung nach leider) diese Denkweise immer noch recht verbreitet ist, habe ich diesen Eintrag stellvertretend zitiert und kommentiert.

Ich bin gespannt, wie die Proteste weitergehen und was sie bewirken werden. Ich hoffe das beste :D


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2 Antworten

18 11 2009
Twitgeridoo

Hey,

Schöner Artikel!

Das Feuer wird hoffentlich bei der #KMK09 am 10.12. in Bonn nochmal richtig aufflammen… ;)

Viele Grüße,
Edward

7 12 2009
uniland ist abgebrannt – heiße Luft für alle! « Im Himmelgrau

[...] von Studenten, die den ganzen Bildungsstreik überflüssig und lästig fanden, wie ich in einem früheren Eintrag schon einmal auseinander gesetzt habe. Und – natürlich – war auch wieder mein [...]

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