Zugegeben, ich war euphorisiert. Es war auch einfach zu verlockend:
Europaweite Studentenproteste, Revolutionsstimmung, Proteste gegen Ungerechtigkeit. Twitter, StudiVZ und die Blogs liefen heiß, man konnte das Geschehen teilweise in Echtzeit mitverfolgen. Wahrscheinlich war nie eine Protestwelle so nah an ihren Adressaten.
Dachte ich zumindest.
Bochum hat mich ernüchtert. Voller Tatendrang ging ich also am Tag der bundesweiten Proteste, dem 17. November, in die Innenstadt, um Teil zu sein, um mitzustreiten und zu -streiken.
Was war? Vielleicht 200 Leute – an einer der größten Unis Deutschlands. Einige kleine Aktionen, gekrönt von der Besetzung des “größten Hörsaals der Universität”. Dumm nur, dass viele Studenten da keine Veranstaltungen haben. Hätten sie keine Transparente aufgehängt, hätte der Großteil wohl nicht einmal was mitbekommen.
Was noch? Die Timelines von #unibrennt und #bildungsstreik versiegen. Zwar wird immer wieder durchgesagt, welche Unis besetzt sind, aber viel neues kommt nicht.
Ansonsten ist das Thema bei Twitter – meinem Eindruck nach – fast nicht mehr vorhanden.
Natürlich gibt es weiterhin Aktionen und Proteste – aber niemand bekommt sie mit.
Die paar, die sich dafür interessierten, sind nun im Vorweihnachtsstress – Klausuren und Hausarbeiten vorbereiten, Geschenke kaufen. Bildung ist allen wichtig – aber niemandem wichtiger als man selbst.
Und was hat es gebracht?
Bildungsministerin Schavan will das BAföG erhöhen lassen. Toll. Freut mich. War aber keine der Hauptforderungen der Protestierenden und ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein; die Studiengebühren hängen uns weiter im Nacken.
Und es soll mehr Stipendien geben, womit dann 10% der Studierenden gefördert werden. Da werden sich die anderen 90% für die Glücklichen aber freuen.
Abgesehen davon war allerdings nicht viel. Einige Minister und Fachleute (wobei ihre Qualifikation meistens darin besteht, dass sie einFACH was sagten) haben die Proteste kritisiert, andere ihre Sympathie ausgedrückt.
(Amüsant fand ich auch die – recht häufigen – Stimmen von Studenten, die den ganzen Bildungsstreik überflüssig und lästig fanden, wie ich in einem früheren Eintrag schon einmal auseinander gesetzt habe. Und – natürlich – war auch wieder mein persönlicher Evergreen zu vernehmen: “Ich kann nicht mit protestieren, ich habe morgen früh ein Seminar.”)
Hingegen hat eure Bundeskanzlerin sich schön rausgehalten. Aufgefallen? Sie hat nichts gesagt zu dem Thema. Wird sie auch nicht. Ist sehr löblich. Wenigstens eine, die mit ihrer heißen Luft diesmal nicht den Treibhauseffekt vorantreibt.
Es wurden ja auch schon längst die Universitäten in Treibhäuser verwandelt, wo “Lernwillige” in “Lernbillige” umgewandelt und mit Hochdruck durch den Bachelor getrieben werden. Darin findet nicht selten ein desillusionierter Student dann schon vor dem Master seinen Meister. Aber ich schweife ab.
Viel los ist jedenfalls nicht mehr. Anscheinend ist der erste Versuch eines “Protests 2.0″ gescheitert. So schnelllebig das Internet ist, so schnelllebig war leider auch das Interesse der Studenten.
Verbesserungsvorschläge muss ich leider schuldig bleiben. Eigentlich war alles vorbildlich. Die Proteste waren schnell und oft kreativ ausgeführt, wie ich von anderen Leuten gehört habe in anderen Städten auch gut besucht, es gab klare und gerechtfertigte Forderungen.
Was lief falsch, dass der Sturm schlussendlich doch nur in einem Wasserglas stattfand?
Vielleicht war es die Hartnäckigkeit, die fehlte, der Wille, dranzubleiben und für ein gemeinsames Ziel bis zum letzten zu gehen.
Es könnte ja negative Auswirkungen auf den persönlichen Werdegang haben.
Vielleicht muss die Lage erst ausweglos werden, damit sich die Menschen für ihre Rechte einsetzen.
Ob ich es hoffen soll oder nicht, ich weiß es nicht.

Ich war in Bochum auch dabei und ein wenig enttäuscht muss ich sagen. Aber es ist doch immer so. Durch solche Medien wie Twitter und Co. lassen sich viele eben mitreißen, die sowieso nicht in dem thema drinstecken. Das nennt sich dann Mitläufertum.
ich empfehle dir Kick it like Frankreich, Summer of Resistance reloaded anzusehen um auch mal die Bochumer Bewegung der letzten 15 Jahre – auch in Bochum nur im Ansatz mal zu verstehen …
http://video.google.com/videoplay?docid=5132924373219365319
ein Spot – von wegen 200 Leute und das bei der Ruhruni ist da wenig aussagekräftig.
Gut, werde ich tun. Allerdings war das nunmal mein Eindruck.
Ok, habe mir das Video komplett angesehen.
Ohne Zweifel beeindruckend.
Dabei erschließt sich mir aber der Zusammenhang zwischen den Studentenprotesten aus dem Jahr 2005 und meiner Aussage, dass ich die Proteste im Jahr 2009, also ganze 4 Jahre später, in Bochum als sehr dürftig empfand, nicht.
Und über die “Bochumer Bewegung der letzten 15 Jahre” fehlt jegliche Aussage, abgesehn von den Hinweisen auf die “Freie Universität Bochum” und das Boykott-Camp – was beides aber vor 4, nicht 15 war.
Falls das also eine Kritik sein sollte, muss ich sie leider als inadäquat und fehlerhaft zurückweisen.
Trotzdem danke für’s Lesen und Kommentieren
Dein Blog ist bei uns in Freiburg im Twitter aufgetaucht. Das vielleicht zur Info. ;o)
Ich hätte da mal Fragen.
1. Bist du hochschulpolitisch engagiert???
- Ich nicht bisher. Weil ich den ganzen Laden nicht ernstgenommen habe und mir die Sache bisher zu heiß war – bedeutet ja auch Demaskierung der eigenen Position/Situation.
Aber letztenendes ist DAS die Instanz um den Protest und Widerstand zu verstetigen!!!
Also, mach mal! ;o)
2. Inwieweit warst du beim Streik involivert? Vor allem organisatorisch???
- Habe nicht den Eindruck. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass man ganz schön angewiesen ist auf ‘professionelles Wissen und Kenntnisse zur Protestorganisation’ – was übrigens hauptsächlich aus der linken politischen Ecke kommt. Andererseits, wenn diese dann auch inhaltlich den Protest mitgestaltet (und diesen Anspruch hat sie unter DEN Umständen definitiv eingeräumt zu bekommen!), bekommt man ziemlich schell vorgeworfen ‘realitätsfern’ oder ‘ideologisch’ zu sein. Habe auch meine Probleme mit derartigen inhaltlichen Forderungen. Aber nur weil sie regelmäßig in Sachen Widerstand was auf die Beine stellen, konnten wir von dem Wissen und den Erfahrungen in FR profitieren und einen soliden Protest auf die Beine stellen.
Und ja, ich war zur Abwechselung mal dabei organisatorisch und ich kann nur sagen es ist schweineantrengend (Pardon! Ich will nicht spezietistisch sein, aber das drückt einfach aus, was ich meine!) Man muss immer up-to-date sein, permanent schauen wie man was anbringt damit es Erfolg hat ohne das IRGENDJEMAND angepisst ist, weil er seine Meinung oder Weltsicht nicht vertreten sieht. Es findet ALLES in unprofessionellen, improvisierten Strukturen statt, allein beruhend auf den spontanen und gezielten Einsatz der Beteiligten beruhend (Und Medien wollen umsorgt und betüddelt sein!!!). Und es ist und bleibt so, unser einziger Druckmechanismus ist die Öffentlichkeit. Wie Politiker und Hochschuloffizielle herumlavieren dürfte in der vergangenen Zeit ja offensichtlich genug gewesen sein!
Mein Fazit ist jedenfalls, SOBALD du nicht rund um die Uhr engagiert bist (jedenfalls die tragenden Köpfe) kommt SOFORT der Protestmotor ins stottern. Es kommt letztlich vor allem auf gute Organisation und Außenwirkung an, die man nur begrenzt im Griff hat – siehe die angeblich ‘diskreditierenden Tendenzen’ wenn die politische Linke sehr involviert ist/dominiert oder siehe Frankfurt. Und da kommt es auch verflucht stark auf fähiges Personal an!!!
Ich schalge also vor, bevor du den Protest herunter redest, sieh zu, dass DU diese Protestroutine und -Führungskapazität entwickelst (ich weiß ja nicht, wie engagiert du tatsächlich warst, ABER:), lass DU dich als Redeleitung aufstellen und behalte PERMANENT deine Konzentrations- und Debattenfähigkeit so im Griff, dass am Ende was Brauchbares dabei herauskommt.
Halte DU doch bitte die offiziellen Medienvertreter in Schach und sorge dafür, dass sie DAS veröffentlichen, was der Sache dient und für die Protestbewegung spricht und NICHT deine persönliche Meinung.
Sorge auch bitte DU dafür, dass gute, mobilisierende, zielorientierte Aktionen gemacht werden und JEDERZEIT genügend Teilnehmer vorhanden sind!
Kümmere dich ebenfalls darum das PERMANENT GENUG FÄHIGES Personal da ist, DAS NICHT ÜBERMÜDET IST, weil es immer dieselben sind und im Gegensatz dazu es einen wesentlich größeren Teil von Personen gibt, die SICH GAR NICHT einbringen oder passiv sind!
Sorge auch DU dafür, dass die entsprechenden Stellen informiert werden (z.B. Demonstrationsanmeldung), dass andere Adressaten wiederum nichts davon Erfahren (z.B. wenn Rektorate besetzt werden) und dass das Persönlichkeitsrecht IMMERvgewahrt wird bei Veröffentlichungen.
Achte darauf, dass bei Besetztungen eine sachdienliche gewisse Ordnung gewahrt wird und stell dich von 0-6h an die Tür von besetzten Räumen damit keine Betrunkenen, Burschis u.ä. und sonstige Klientel aufkreuzen, die das Projekt gefährden. In diesem Zusammenhang: Was machen mit Obdachlosen oder z.B. Schülern??? Einerseits solidarisieren, andererseits Rauswurf riskieren???
Wichtig ist auch die Versorgung, das heißt es sollte regelmäßig gefegt, gewischt, leere Flaschen eingesammelt, Toiletten geputzt und Essen gekocht und geschnippelt werden.
Außerdem ist klar, SÄMTLICHE Regularien müssen spontan, in FR mit BASISDEMOKRATISCHEM Verfahren, aus der Luft in konkrete Regeln umgesetzt, IMMER WIEDER erklärt und vermittelt und VOR ALLEM DURCHGESETZT werden. UND DANN KANN DIE INHALTLICHE ARBEIT BEGINNEN!
So. Und jetzt mach mal!
Und du verstehst dann vielleicht, warum das ganze Potenzial binnen Kurzem im wahrsten Sinne des Wortes ERSCHÖPT ist!
Übrigens – ich habe mich nach etwa 2 Wochen letzten Mittwoch rausgezogen aus dem Streik. Ich schlafe immre noch 10Std. täglich seitdem.
Mit besten grüßen aus dem Süden!
Ich kann mir schon denken, wie der Eintrag nach Freiburg geraten ist xD
Zu deinen Fragen:
1. Nein. Bisher habe ich mich mehr mit Staats- als mit Hochschulpolitik beschäftigt.
2. Ich habe am bundesweiten Bildungsstreik sowie an der Sitzung in Bochum teilgenommen. Organisatorisch war ich daran nicht beteiligt, so wie die meisten Studenten dort.
Dass die Organisation eines solchen Protests sehr kompliziert & kräftezehrend ist und viel Engagement Einzelner benötigt, ist mir durchaus bewusst, und ich habe Hochachtung vor diesen Leuten. Durch @Dreisampirat konnte ich das Ganze recht gut verfolgen.
Deswegen verwundert es mich auch, dass du mir unterstellst, ich wolle “den Protest herunterreden”. Das will ich durchaus nicht. Ich habe mit keinem Wort die Arbeit der Studenten diskreditieren wollen, sondern nur meine Meinung geäußert, dass die Proteste in meinen Augen erlahmt sind und die Forderungen der Studenten kaum erfüllt wurden.
Das dem Einzelnen die Energie ausgeht habe ich nie in Zweifel gezogen oder bestritten.
Die Gründe dafür hast du selbst sehr schön erläutert.
Allerdings finde ich dieses “Dann mach’s doch selbst!” etwas fehl am Platz.
Was hat das mit meiner Einschätzung der Lage zu tun?
Als würde ich behaupten, dass ich es besser könnte oder die Organisation schlecht fand.
Solche Aussagen haben für mich immer was von einem trotzigen Kind und sind daher für den Studentenprotest und die (notwendige) Diskussion über ihn etwas schwach.
P.S:
“Ausgebrannt” wäre passend gewesen, wenn ich den Beitrag auf Individuen im Protest gemünzt hätte
Ach so. Deswegen plädiere ich auch für den Begriff ‘AUSGEBRANNT’ – statt abgebrannt! ;o)
Schönen Guten Abend! ;o)
Was ich mit meinem 1. Eintrag darlegen wollte:
Bloggen ist gut,
selber (organisatorisch!!!) mitmachen VIELLEICHT besser…
Du kiritsierst im Übrigen schon ziemlich konkret die Organisation des Streiks (“einige kleine Aktionen” , “keiner kriegt sie mit”, mediale Verbreitung ” erlahmt”,…).
DAS liegt, wie schon ausgeführt, an zu geringer allgemeiner studentischer Beteiligung. – Zu tun gibt’s ganz klar genug!
Denn an mangelnder Partizipation, studentischer TATKRÄFTIGER Unterstützung und personeller Breite (Kapazität) des Engagements liegt nach meiner Meinung ganz klar das aktuelle Erlahmen der Protestbewegung!
DAS liegt an dem GROS der Studierenden, DIE SICH NICHT BETEILIGEN/EINBRINGEN!!!
Dann addressiere SIE!
UND: Administrative (politische) Mühlen mahlen langsam – solltest du wissen, wenn du selber politisch engagiert bist.
ZUSÄTZLICH: Ab & zu streiken ist hübsch! BESSER, funktionaler + langfristiger wäre sich auch in die Strukturen + Prozesse einzubinden!!!
DESWEGEN verweise ich auf die studentische Hochschulpolitik und ihre Kapazitäten und plädiere für eine Transformation des Streiks in strukturelle Arbeit!
Übrigens: ES WURDE AUCH SCHON WAS ERREICHT
1. Haben wir DEFINTIV auf unser Anliegen Aufmerksam gemacht und durch die breite, sachliche, konkrete Gestaltung sie DEUTLICH fundiert!
2. Wurde über die Medien (und auch dem Bundesprädidenten) der Handlungsbedarf konstatiert und bestätigt.
3. Wurde eine breite gesellschaftliche Debatte angestoßen, die elementar für die praktische Umsetztung unseres Anliegens ist.
4. Wurden eingie Personen stark unter Zugzwang oder Positionierungsdruck gesetzt (Viele Grüße in diesem Zusammenhang an Frau Wintermantel, Schavan + sämtliche Bildungsminister der Bundesländer, Rektorate…)
- DAMIT kann man arbeiten!!!
5. WIR haben was erreicht! (In FR)
Wir haben in FR HEUTE eine 17seitige Stellungsnahme des Rektorats erhalten mit konkreten Handlungsanweisungen + -ideen, sowie Positionierungen zu unseren Forderungen.
- Schon klar! Gucken WAS draus wird. Aber zum Einstand finde ich’s ok… ;o)
SOWAS, MIT seinen unterschiedliche Phasen + Aktionsformen nenne ich ‘Politischen Prezess’. D.h. es ist dezentral, arbeitet auf verschiedenen (auch vielen verdeckten) Ebenen und sucht sich verschiedene Aktionsformen.
Lediglich streiken taugt nix!!!
Ciao, A.